Morgenstund

DISRUPTIVE INNOVATIONEN

UND DAS DILEMMA DES DEUTSCHEN UNTERNEHMERTUMS

Die deutsche Wirtschaft ist nicht nur allgemein sehr erfolgreich, sondern zeichnet sich außerdem durch Innovation und Weltmarktführerschaft in vielen klassischen Industriebereichen aus. Um diesen Standard jedoch aufrechterhalten und dem Innovationsanspruch auch weiterhin gerecht werden zu können, ist es nicht genug sich auf bereits Erreichtem auszuruhen. Doch was tun, wenn Innovation von innen heraus einfach nicht mehr in ausreichendem Maße stattfindet und die internationale Konkurrenz Druck macht?

Viele mittlere und große Unternehmen in Deutschland befinden sich derzeit an einem Punkt, an dem sie konkret über Beteiligungen an jungen Startups nachdenken. Startups, die eine Dynamik mitbringen, die sie bei sich selbst zuletzt vermissen. Clayton Christensen brachte bereits in seinem 1997 erschienenen Bestseller „The Innovator’s Dilemma“ auf den Punkt, „warum etablierte Unternehmen den Wettbewerb um bahnbrechende Innovationen verlieren“, obwohl sie im Grunde alles richtig zu machen scheinen. Denn disruptive Innovationen, so Christensen, folgen einer Unlogik und die klassischen Erfolgsfaktoren der Kunden-, Ertrags- und Wachstumsorientierung können sich auf Innovationsprozesse paradoxerweise sogar nachteilig auswirken. In seinem 2013 erschienenen Folgewerk „The Innovator’s Solution“ liefert Christensen schließlich einen Lösungsansatz: Anstatt weiter zu versuchen Innovation von innen heraus zu generieren, sollten Unternehmen sich vielmehr darauf konzentrieren, Dritte dazu zu befähigen erfolgreich innovativ zu sein und ebendiesen Erfolg richtig abzuschöpfen. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Apple besonders gut. Denn anstatt Apps selbst zu entwickeln, stellt Apple Tools zur Verfügung, die es kreativen Köpfen ermöglichen, innovative Apps zu entwickeln und schöpft deren Erfolg über den App-Store mit ab.

Doch warum nutzen nicht viel mehr etablierte Unternehmen das Potenzial von Startups, indem sie sich an diesen beteiligen? Immerhin haben sie etwas, was diese wiederum dringend benötigen: Kapital. Das Problem scheint banal, doch viele Unternehmen wissen schlicht nicht, wie sie an die Suche nach einem geeigneten Investitionsziel herangehen sollen. Abgesehen von den großen Konzernen mit eigenen Venture Capital (VC) Abteilungen, haben die wenigsten deutschen Unternehmen genug Wissen und Kapazitäten für Entscheidungen dieser Art. Und schaut man sich den wachsenden Trend der Startup-Gründungen und -Beteiligungen an, so wird sich diese Suche in Zukunft noch deutlich schwieriger gestalten.

Daneben lässt sich bereits jetzt ein weiterer Trend in der geographischen Verteilung der Startups in Deutschland erkennen, der eine zusätzliche Hürde mit sich bringt. Laut dem Deutschen Startup-Monitor (DSM) 2016 kamen im Jahr 2015 noch rund 31% der Startups aus Berlin, 2016 waren es nur noch 17%.  Diese Dezentralisierung ist allgemeinwirtschaftlich zwar grundsätzlich wünschenswert, erschwert potentiellen Investoren den Überblick über die Startup-Landschaft und das Finden einer passenden Investition jedoch enorm.

Die Suche nach einem geeigneten Startup zu Beteiligungszwecken wird aber nicht nur durch die geographische Lage erschwert, sondern vor allem durch die schiere Vielzahl an Neugründungen, die sich selbstverständlich allesamt als innovativ und der Konkurrenz voraus bezeichnen. Laut dem Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) boten im Jahr 2015 jedoch nur 9% aller Gründungen regionale Marktneuheuten und gerade einmal 7% überregionale Marktneuheiten. Von diesen 7% wiederum stellen nur 40% technologische Innovationen dar. Somit brachten 2015 unterm Strich gerade einmal 2,8% aller Neugründungen tatsächliche technologische Innovationen auf den Markt.

Doch nicht nur potentiellen Investoren stellen sich bei der Investitionssuche Hürden in den Weg, auch die Gründer von Startups selbst kämpfen mit zahlreichen Herausforderungen im Rahmen des Gründungs- und Wachstumsprozesses. Die wahrscheinlich wichtigste Frage, die sich dabei gleich zu Beginn stellt ist die nach dem Gründungsteam, denn allein zu gründen ist ein Risiko, dass nur die Wenigsten bereit sind einzugehen. Dabei gründen vor allem technologisch innovative Startups bevorzugt in fachlich homogenen Teams, das heißt mit Partnern des gleichen oder eines ähnlichen naturwissenschaftlichen Hintergrundes. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI), der zufolge gerade einmal 17% ebenjener Startups von Jungunternehmern mit wirtschaftswissenschaftlichem Background (mit)gegründet werden. Dass wichtige betriebswirtschaftliche Kenntnisse in innovativen Tech Startups entsprechend häufig fehlen, wird deutlich, schaut man sich die von Gründern genannten Herausforderungen im Zusammenhang mit der Unternehmensführung an.

Interessant ist dabei auch, dass nur ca. 5% der Gründer die Internationalisierung als eine Herausforderung sehen und knapp 83% der vom Deutschen Startup-Monitor (DSM) befragten Startups sogar bereits eine (weitere) Internationalisierung planen. Vor dem Hintergrund, dass drei von vier der befragten Existenzgründer Neugründer waren, lässt sich hieraus eine gewisse Unerfahrenheit und Naivität schließen.

Doch welchen Schluss ziehen wir aus diesen Dilemmasituationen, in denen sich Investoren und Startups gleichermaßen befinden? Wenn innovative Tech Startups und erfahrene Unternehmen aufeinandertreffen, kann dies eine Symbiose bewirken, von der beide Seiten mehr als profitieren können. Während dem Investor Zugang zu Innovationen ermöglicht wird, zu denen er selbst nicht imstande ist, erhalten Startups neben dem benötigten Kapital den noch viel wichtigeren Zugang zu betriebswirtschaftlichem Know-how und langjähriger Expertise – eine absolute Win-Win-Partnerschaft, denn vom Erfolg des Startups profitieren beide Seiten.

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